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Gertrud Luckner

Gertrud Luckner ist nicht die Frau mit dem Hut auf dem Bild, die wahrscheinlich der Grund für diese Fotoaufnahme aus dem Jahr 1936 gewesen ist. Von links nach rechts, beinahe unerkannt, läuft Gertrud Luckner, leicht gebeugt und mit schwerer Aktentasche an der Hand durch das Bild. Sie dürfte auf dem Heimweg von ihrem Arbeitsplatz beim Deutschen Caritasverband im „Werthmannhaus“ – gegenüber der heutigen Unibibliothek – nach Hause in die Landsknechtstraße gewesen sein.

In ihrer Aktentasche könnten sich befunden haben: Unterlagen für ihre Promotion über „Selbsthilfe der Arbeitslosen in England und Wales“, Mitschriebe der Vorlesung ihres Doktorvaters, des Volkswirt Bernhard Pfister, ein Bündel mit Briefen, die sie zum Verschicken noch zu Freunden nach Basel bringen will – ihre Post wird seit 1933 von der Gestapo überwacht, die neueste Bekanntmachung für die Visaanforderungen jüdischer Auswanderer, eine Bleistiftskizze vom Grenzverlauf bei Schaffhausen und möglichen Fluchtwegen, ein handgeschriebenes Programm für die nächsten Diskussionsthemen im „English Club“, den sie wöchentlich für die Oberprima am Goethe-Gymnasium organisierte, zwei Bücher der Bibliothek des Instituts für Caritaswissenschaften, an der sie ihr Zweitstudium absolvierte, und die schon überfällig für die Rückgabe waren.

 

In der Reichspogromnacht, in der auch die Freiburger Synagoge auf dem heutigen „Platz der Alten Synagoge“ niedergebrannt wurde und die Feuerwehr nicht löschte, war Gertrud Luckner stundenlang mit dem Fahrrad zu  jüdischen Familien unterwegs, um sie zu warnen und ihnen eine sichere Adresse zu geben.

Im Auftrag und mit Rückendeckung des Deutschen Caritasverbandes und des Erzbischofs – „notwendige Aufgaben der außerordentlichen Seelsorge“ – entwickelte Gertrud Luckner ein reichsweit und international aktives Netzwerk, das Flucht, Arbeit, Schutzadressen, Lebens- und Finanzmittel für jüdische Verfolgte organisierte. Später nahmen Hilfspakete mit Lebensmitteln und Kleidung in Ghettos und Konzentrationslager zu – von Baden nach Gurs, über die Schweiz und Portugal in die Lager in den besetzten polnischen Gebieten. Unter erschwerten Bedingungen führte sie auch die Fluchthilfe weiter und zeigte sich auch öffentlich solidarisch: Als die rassistische Kennzeichnung, das Tragen eines gelben Sterns für Jüdinnen und Juden ab 1941 zu weiterer Ausgrenzung und Isolierung führte, ging Gertrud Luckner offensiv mit Jüdinnen und Juden spazieren, ging mit ihnen durch die Stadt oder begleitete sie zu einem katholischen oder protestantischem Gottesdienst.

Eine pazifistische, weltoffene Haltung, ihre eigene bi-nationale Biographie und ihre religiöse Überzeugung – evangelisch getauft, Mitglied der Quäker, konvertiert zum Katholizismus – ließen sie unter den Bedingungen der 1930/ 40er Jahre zu einer rastlosen, tatkräftigen Botschafterin für Menschlichkeit werden.

Als Gertrud Luckner 1943 von der Gestapo verhaftet wird – auf Hinweis eines Spitzels in der Caritaszentrale – überlebt sie Verhöre, Konzentrationslager, Todesmarsch dank Solidarität anderer Häftlinge und Gaben von außen. Nach Kriegsende leitete sie die Verfolgtenfürsorge beim Deutschen Caritasverband und widmete sich der christlich-jüdischen Annäherung. Am 31. August 1995 starb Gertrud Luckner.

 

 

Liverpool

Gertrud Luckner, geboren am 26.09. 1900 in Liverpool als Jane Hartmann, Tochter von Gertrude Miller und Robert Hartmann war englische Staatsangehörige bis zu ihrem 22. Lebensjahr und blieb dem Land ihrer Geburt ein Leben lang verbunden. 1922 wurde sie von ihren Pflegeltern Karl und Luise Luckner, die sie bereits im Alter von wenigen Wochen in Pflege nahmen, offiziell adoptiert und erwarb die preußische Staatsangehörigkeit, die Familie lebte im ostpreußischen Königsberg. 1927/28 starben ihre Pflegeeltern und bevor sie zur Fortsetzung ihres Studiums 1931 nach Freiburg kam, ging sie für 1 ½ Jahre nach Birmingham, um als „mother help“ Mütter in armen Familien zu unterstützen.

 

 

Gerechte unter den Völkern

Gertrud Luckner ist ein herausragendes Beispiel für Zivilcourage und Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Freiburg. 1966 zeichnete der Staat Israel sie in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern aus, 1979 wurde sie Ehrenbürgerin von Freiburg im Breisgau, der Gemeindesaal der neuen Synagoge und eine Gewerbeschule in Freiburg tragen ihren Namen. 2007 wählten die Leser*innen der Badischen Zeitung Gertrud Luckner zur bedeutendsten Persönlichkeit Freiburgs.

 

 

Zitat

» Die Hilfe von Mensch zu Mensch ist es, was die Diktatur nicht versteht «

Das Zitat ist ein Ausschnitt eines Interviews, das Elizabeth Petuchowski 1983 mit Gertrud Luckner geführt hat. Gertrud Luckner antwortete auf die Frage: „Würden Sie sagen, daß man als einzelner sich widersetzen kann, wenn man es will?“:

» Ja. Und noch mehr, was man wissen sollte. Es waren ja auch früher Verfolgungen gewesen. Das bleibt ja leider nicht aus. Es wird leider in Zukunft Verfolgungen geben. Die Hilfe von Mensch zu Mensch ist es, was die Diktatur nicht versteht. Merkwürdigerweise, … Menschen als Gruppen konnten nichts machen. Dann wären wir alle weg gewesen. Man mußte natürlich versuchen, so lange wie möglich: man mußte es nicht an die große Glocke hängen. Offen protestieren? So etwas ging ja nicht gut. Wir haben`s trotzdem gemacht. Und Freiburg kam dieser ganzen Sache sehr entgegen, diese Stadt. «

aus  „Gertrud Luckner: Widerstand und Hilfe“, Elizabeth Petuchowski, 1998 Referat an der Seton Hull University/ Institute of Judaeo-Christian Studies – Ausschnitte aus einem Interview mit Gertrud Luckener, 1983

 

 

„The English Club“

Elizabeth Petucowski schreibt in den Aufzeichnungen ihres Interviews mit Gertrud Luckner: „Sie wandte geradewegs an, was sie über Selbsthilfe in England und Südwales gelernt hatte. Sie machte es sich zur Aufgabe, bei mehreren Schulen in Freiburg anzumelden: » Wir wollen einen kleine Diskussionszirkel auf englisch machen «, um den praktischen Umgang mit der Sprache zu üben, sozusagen. Sie versorgte Gymnasiasten mit pro- und contra-Nazi-Literatur, und damit brachte sie Diskussionen auf den Weg, nach der Art, wie im Britischen Parlament debattiert wurde. Auf diese Weise regte sie Studenten an, kritisch über politische Zusammenhänge nachzudenken. Alle ihre späteren Berichte über ihre kompromisslosen Aktivitäten vor und während des Krieges nahmen ihren Ausgangspunkt bei » diesem kleinen Diskussionszirkel «, den sie initiiert hatte und von dem sie geradezu liebevoll sprach.“

aus Luckner, Petuchowski (s.o.)

 

 

Leseempfehlung:

Gertrud Luckner. Botschafterin der Menschlichkeit, Hans-Josef Wollasch, Herder Verlag 2005

Gertrud Luckner – Widerstand im Nationalsozialismus, Robert Neisen

in: Auf Jahr und Tag – Leben in Freiburg in der Neuzeit, Rombach Verlag, 2019, S. 181 – 205

 

Audioempfehlung:

Shalom Freiburg – ein Hörspaziergang auf den Spuren jüdischen Lebens in Freiburg und ein Projektdes Stadtjubiläums 900 Jahre Freiburg.

Ein Projekt der Israelitischen Gemeinde Freiburg (KdöR) in Kooperation mit „past[at]present. Geschichte im Format“ sowie Studierenden der Universität Freiburg.

Christlicher Einsatz für verfolgte Jüdinnen und Juden

Gertrud Luckner, Freiburg – viele Original-Töne, einschließlich von Gertrud Luckner in der Reihe Stolpersteine

https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/aexavarticle-swr-37812

 

weitere links:

„Gertrud Luckner: Widerstand und Hilfe“, Elizabeth Petuchowski, 1998 in Freiburger Rundbrief – Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung (gegründet von Gertrud Luckner, 1948)

https://www.freiburger-rundbrief.de/de/item_835.html

1987 wurde im Beisein von Gertrud Luckner „Gertrud-Luckner-Gewerbeschule“ nach ihr benannt

https://www.glg-freiburg.de/home/gertrud-luckner/

Oral History des Holocaust Museum in Washington, Gay Block und Malka Drucker führen am 28.07.1988 ein Interview (Video) mit Gertrud Luckner

https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn506537

 

Archive:

Archiv des Deutschen Caritasverbandes (Nachlass Gertrud Luckner)

https://www.caritas.de/diecaritas/deutschercaritasverband/verbandszentrale/arbeitsbereiche/archiv/caritasarchiv

Universitätsbibliothek Freiburg (Büchernachlass Gertrud Luckner)

https://www.ub.uni-freiburg.de/recherche/historische-sammlungen/bestaende-benutzung/nachlaesse/gertrud-luckner/

Gertrud Luckner Bibliothek in der Gertrud Luckner Gewerbeschule

www.glg-freiburg.de unter Gertrud Luckner